Wer sich in die Provinz begibt, kommt darin um

Aus: «Wer sich in die Provinz begibt, kommt darin um»

Wer sich in die Provinz begibt, kommt darin um

Aus «Wer sich in die Provinz begibt, kommt darin um», Kriminalroman. Ullstein Verlag, Berlin 2018.

Leo Donat war wie die Stadt, in der er lebte. Arm aber sexy. Kreativ und cool. Hip und high. Obwohl, nein, high war er nicht. Er hatte gestern keinen Joint geraucht und war sogar extra früh ins Bett gegangen, um ja nicht zu verschlafen. Allerdings konnte er dann nicht einschlafen, weswegen er bis zwei Uhr die fünfte Staffel von Homeland schaute, die, die in Berlin spielt.
Es war kurz nach neun an einem warmen, sonnigen Junimorgen, als er den verblassten Nachkriegsbau verließ, in dem er seit zwei Jahren wohnte. Die Luft roch frisch und sommerlich, in der Nacht hatte es kurz geregnet. Sie roch auch nach totem Schweinefleisch und Brühe, drüben in Maximilians Wurstmanufaktur ging grade die Produktion los. Das würde ein guter Tag werden. Leo fühlte sich so fit wie lange nicht. Er trug den dunkelblauen Anzug, den er vor Jahren für die Beerdigung seines Vaters gekauft und seitdem nicht mehr getragen hatte. Das war mit Sicherheit der einzige Anzug, der um diese Uhrzeit im Kranoldkiez spazieren getragen wurde. Das hier war Neukölln, aber nicht das weichgespülte vom Maybachufer, sondern das echte, das außerhalb des S-Bahn-Rings. Selbst der Anwalt drüben in der Glasower Straße hielt seine Sprechstunde in Trainingshose und Kunststoffparka ab, und das nicht aus modischen Gründen. Seine Klienten wollten von niemandem beraten werden, der aussah wie ihr natürlicher Feind.
In Damirs Backshop legte Leo einen Zwischenstopp ein, hier gab’s Hörnchen für 90 und Kaffee für 60 Cent.
„Wieso du heute so schickimicki?“, fragte der stets gut gelaunte Damir, der den Laden vor drei Monaten übernommen hatte. Davor war Selcuk drin gewesen und davor die transsexuelle Kubanerin Gloria. Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch Damir kapieren würde, dass man mit aufgebackenen Schrippen und Zigaretten im Kranoldkiez auf keinen grünen Zweig kam.
„Ich habe einen wichtigen Termin“, sagte Leo und legte eine Zwei-Euro-Münze auf den Tresen.
Damir musterte Leos Anzug.
„Polizei? Hast du angestellt?“
„Ich habe nichts angestellt“, erklärte Leo, „ich treffe gleich einen Klienten.“
„Leo hat Klient?”
Damir kramte in einem abgegriffenen Schuhkarton nach Wechselgeld.
„Warum?“
„Geschäftsgeheimnis.“
„Du hast Geschäft? Hier? Bist du Konkurrenz!?“
„Unsinn“, sagte Leo leise, als hätte man den Backshop verwanzt. „Ich bin Detektiv.“
„Ach so.“ Erleichtert ließ Damir eine Handvoll Ein- und Zwei-Cent Münzen in Leos Hand rieseln.
„Viel Erfolg!“
„Danke.“
Zwei Jungs betraten den Laden. „Eine Marlboro.“
„Ihr seid viele viel zu klein für Rauch“, erklärte Damir kategorisch.
„Scheißegal, Mann. Gib uns die Kippen.“
Leo verzog sich nach hinten, um in Ruhe zu frühstücken. Das Hörnchen war gut und der Kaffee in dem dünnwandigen Plastikbecher wie immer viel zu heiß. Leo sah auf die Uhr. Er war gut in der Zeit. Viertel vor zehn musste er im Prenzlauer Berg sein. Was ihn dort wohl erwartete? Der Klient hatte am Telefon von einer größeren und diffizilen Angelegenheit gesprochen, die viel Fingerspitzengefühl und möglicherweise auch etwas Zeit erforderte. Scheinbar war ein bekannter Schriftsteller spurlos verschwunden. Vielleicht waren drei, vier Tage drin. Leo konnte sie gut gebrauchen. Selbständigkeit war eine feine Sache. Aber nur, wenn man auch Aufträge hatte. Alles andere war Scheinselbständigkeit.
Die Kinder verließen den Laden. Mit Kippen. Leo kaufte eine Packung Kaugummi, um das Kleingeld wieder loszuwerden. Damir hielt ihm den Schuhkarton hin. Geschäftstüchtig war er, das musste man ihm lassen. Vielleicht hielt er doch länger durch als die anderen.
Leo warf die Münzen zurück in den Korb.
„Danke schön“, sagte Damir, „wird schöner Tag heute. Schön heiß!“
Unten auf der Karl Marx-Straße standen bestimmt dreißig Menschen vor der Mausefalle herum. Was machten die denn da? Der ehemalige Nachtclub war doch schon seit Jahren geschlossen. Oder machte Kusserow & Becker nebenan etwa Totalausverkauf? Bitte nicht, der Badezimmerausstatter mit den unförmigen Zinnen auf dem Flachdach, die Leo immer an die unvollendeten Lego-Burgen seiner Kindheit erinnerten, war eines der letzten alteingesessenen Ladengeschäfte im Kiez. Elektro-Lapinsky gegenüber hatte vorletztes Jahr zugemacht und Betten-Mischek unten an der Ringbahnstraße letztes. Im einen war jetzt ein Bio-Supermarkt, im anderen eine Thai-Massage, die nach zwei Tagen ein großes Schild ins Fenster hängen musste: NO erotic massage. Es hatten sich zu viele Anwohner falsche Hoffnungen gemacht. Bald würden die ersten Studenten aus Westdeutschland einfallen und mit Papas Geld Drei-Zimmer-Wohnungen kaufen. Panta rhei, alles fließt, schon klar, aber musste es denn immer zum Schlechteren sein? Wann kapierten die Lokalpolitiker, die die Aufwertung des Bezirks begrüßten, endlich, dass die Leute, die hier lebten, keine Veränderungen wollten? Dass die einzige Gemeinsamkeit von Suzy’s Späti und der heilen Welt von Denn’s Biomarkt der falsche Genitiv war? Als Leo näher kam, sah er, dass die Leute auf den 171er warteten. Er hatte sich also mal wieder ganz umsonst aufgeregt. Erleichtert ging er die zugige Treppe runter zur U7. Die blaue Linie verband Rudow mit Spandau und brachte die Leute aus den Randbezirken in die City. Es roch nach Schweiß, warmem Maschinenöl und grünem Reinigungsgranulat. Ein paar maulende Fahrgäste kamen ihm entgegen.
„Die woll’n uns wohl für blöd verkoofen!“
Wegen Gleisbauarbeiten vom 3.5. bis 15.5. verkehrt der Zugverkehr unregelmäßig, verkündete das orange blinkende Schriftband auf den Richtungsanzeigern. Heute war der 3.6. Das war mal wieder typisch BVG.

Eine schöne Frau in Jeansrock und hohen roten Sandalen stand alleine auf dem dunklen Bahnsteig. Sie war so in ihr dickes Buch vertieft, dass sie wohl nicht mitbekommen hatte, dass es zu Unregelmäßigkeiten kam. Für Juni war es viel zu heiß. Und der Polyesteranteil in Leos Anzug entschieden zu hoch. Weil er jetzt schon schwitzte, beschloss er, der Leserin Gesellschaft zu leisten. Nach einer Minute hatte er sie so weit, dass sie zu ihm rüber sah. Nach eineinhalb lächelten sie sich zu. Ein Lächeln, mit dem sie sich gegenseitig den Tag versüßten. Kurz darauf begann der U-Bahnhof leise zu vibrieren. Eine fast leere Bahn fuhr ein. Na also. Mit ein bisschen Glück würde er es noch rechtzeitig schaffen. Am Hermannplatz wechselte er in die U8, im Volksmund Drogenbahn, weil Dealer sie gern zur Geschäftsanbahnung nutzten. Am Alex herrschte ein Gedränge wie auf der Fanmeile beim WM-Finale. Bleichgesichtige Berlinerinnen und voll verschleierte Araberinnen, Jungs mit Kopfhörern, Mädchen mit Kinderwagen und Rumänen mit Akkordeons, Alkoholiker aus Russland, Drogendealer aus Afrika und Thailänderinnen aus dem Katalog, Kleinfamilien und Großfamilien, Opas mit Rollator und Omas mit Rennrad, Rollschuh- und Rollstuhlfahrer, Touristen aus aller Welt. Und natürlich jede Menge Schulklassen. Bayerische auf dem Weg zum Reichstag, sächsische auf dem Weg zur Mauergedenkstätte, schwäbische auf dem Weg zur Topographie des Terrors, bremische auf dem Weg zum Deutschen Historischen Museum, nordrhein-westfälische auf dem Weg zur Nordrhein-westfälischen und saarländische auf dem Weg zur Saarländischen Landesvertretung. Nachmittags würden sich alle bei Primark treffen. Leo eilte die Treppe hoch und suchte seine Haltestelle. Links die Weltzeituhr, dahinter der Fernsehturm, dann musste die Straßenbahn rechts fahren. Mit schnellen Schritten überquerte er diesen betonlastigen Unort. Hier hielt sich kein Berliner länger auf als unbedingt nötig.
Laut Fahrplan kam die nächste M4 in drei Minuten, laut Digitalanzeige in sechs, tatsächlich in zehn. Die Straßenbahn, die neuerdings Metrotram hieß, fuhr extra langsam, damit sie keine Touristen überfuhr, die ständig mit ihren Rollkoffern in den Schienen hängen blieben. Leo stieg vorne ein und stellte sich neben ein rothaariges Skinhead-Mädchen, an dessen ausgemergeltem Körper ein T-Shirt mit Ick-koof-bei-Lehmann-Aufdruck schlabberte und das nach vergorenem Gras roch. Die Türen schlossen sich, dann zischten sie mit majestätischer Langsamkeit los. Irgendwo klapperte ein loses Plastikteil. Hinter der Frankfurter Allee, die so breit war, dass ein Jumbo Jet zwischen ihren stalinistischen Prachtbauten hätte landen können, kramte Leo den Zettel aus der Hosentasche, auf dem er die Adresse notiert hatte: Greifswalder Straße 124. Hufelandstraße stieg er aus. Er musste suchen, ehe er das ausgebleichte Schild entdeckte: Phönix Verlag.

Irgendwie hatte Leo sich ein Verlagshaus anders vorgestellt. Repräsentativer, erhabener. Literarischer. Er hatte ein allein stehendes Gründerzeithaus mit Kastanienbäumen im Garten erwartet. Oder eine Bauhaus-Villa, vor der Eames-Stühle standen. Das hier war nur ein schmuckloser Zweckbau aus der Nachwendezeit in einer grauen, lauten Straße, die in der Mitte von einem platt getretenen Grünstreifen geteilt wurde. Leo ging durch eine rechtwinklige Toreinfahrt, die in einen engen, dunklen Hinterhof führte. Links standen Rollwagen von Rossmann, rechts kartonweise vergammelte Zucchini.
Der Lift war kaputt, also nahm Leo die Treppe. Je höher er kam, desto heißer wurde es. Im vierten Stock klemmte ein dickes Buch in der Tür und sorgte für etwas Durchzug.
„Wie kann ich helfen?”, fragte es aus dem ersten Zimmer.
„Ich habe einen Termin mit Doktor Durante“, erklärte Leo und trat ein.
An einem Glastisch voller Bücher, Kataloge und Haribotüten löste eine Frau das Rätsel aus dem Zeitmagazin. Drei Wörter hatte sie schon gefunden. Sie hatte lange rotgefärbte Haare und eine rahmenlose Brille und nickte Leo sanftmütig zu. Sie besaß die Ausstrahlung einer Kindergärtnerin, die wusste, dass man mit Druck gar nichts erreichte und von den Kindern genau deswegen bedingungslos geliebt wurde. Bestimmt war sie die gute Seele des Verlags, zu der alle kamen, die Trost oder Rat brauchten oder mal ein paar Augenblicke an einer mütterlichen Brust ausruhen mussten, um nachzudenken.
„Wen darf ich melden?”, fragte sie und griff zum Telefonhörer.
„Leo Donat.“
„Worum geht es?“
„Das würde ich gern mit Doktor Durante persönlich besprechen.“
„Ach, Sie sind Autor?”
Sie ließ den Hörer wieder sinken.
„Herr Durante ist im Moment sehr beschäftigt. Legen Sie Ihr Manuskript bitte dort ab. Er meldet sich, sobald er es gelesen hat.“
Sie deutete mit dem Kugelschreiber auf einen Umzugskarton neben der Tür, der randvoll mit Manuskripten, DIN A4-Umschlägen und losen Blattsammlungen war. Gib mir meine Unschuld zurück, konnte Leo auf einer Titelseite lesen, und Mit dem Trabbi „nach“ Transnistrien und Der Tod kam nach Wernigerode, wobei das nach nachträglich und von Hand dazugeschrieben worden war, anstelle eines durchgestrichenen „aus“. Die Frau hielt ihn offensichtlich für einen talentlosen Hobbyautor, der endlich seinen Roman abgeben wollte, an dem er zwanzig Jahre lang geschrieben hatte, immer nur am Feierabend und an den Wochenenden.
„Ich bin Detektiv!“, hätte Leo ihr am liebsten entgegenschleudert.
Aber Doktor Durante hatte um 120-prozentiges Stillschweigen gebeten. Also hielt Leo sich auch daran. Nicht dass er am Ende genau diese Vorzimmerdame beschatten sollte, weil sie zu viel Fehltage hatte.
„Das ist ein Missverständnis. Ich bin kein Autor. Ich bin … geschäftlich mit Doktor Durante verabredet.“
„So, so.“
Sie griff erneut zum Hörer. „Hier ist ein Herr Donat für Sie. Er sagt, er sei mit Ihnen verabredet … nein … ja … nein … gut.“
Während die Frau sprach, musterte sie Leo, als stecke doch ein verkappter Schriftsteller in ihm. Schließlich legte sie seufzend auf und deutete mit dem Kuli um die Ecke.
„Den Gang runter, letzte Tür rechts.“

Im dunklen Flur stapelten sich in durchgebogenen Billy-Regalen Bücher in allen Farben, Formen und Größen. Romane, Taschenbücher, Comics, großformartige Bildbände, es mussten hunderte sein. Wer sollte das alles lesen? Es erinnerte Leo an das moderne Antiquariat in Kreuzberg, in dem er zu Studentenzeiten manchmal ausgeholfen hatte. Die Türen zu den Büros standen offen, sicher wegen der Hitze. Darin saßen vorwiegend junge Menschen, die lasen oder telefonierten oder auf Monitore starrten oder alles zusammen. Generation M wie Multitasking.
An der letzten Tür stand Dr. Dieter Durante – Verleger. Ein Name wie ein Pseudonym. Das Büro war größer als die anderen. Und aufgeräumter. An den Wänden hing ein überlebensgroßes Porträt von Kafka und ein Foto eines schneebedeckten Berggipfels im Sonnenuntergang. Vermutlich selbst geschossen, so wie diese Handy-Werbe-Fotos, die neuerdings die ganze Stadt dekorierten. Doktor Durante saß am Schreibtisch und tippte mit manikürten Fingern auf eine schnurlose Computertastatur. Er war in Leos Alter und strahlte die unterspielte Eitelkeit attraktiver Männer aus. Er war schlank, hatte dichtes Haar und glatte Haut. Am Fenstergriff hing ein graues Sakko. Leo rückte seinen Anzug zurecht und klopfte an den Türrahmen.
„Knock knock knock“, brummte Durante und schaute auf, „Who’s there, in the name of Beelzebub?“
„Wie?“
„Shakespeare.“ Durante lachte. „Macbeth. Kennen Sie nicht?“
„Doch, natürlich“, erwiderte Leo, „ist aber schon eine ganze Weile her.“
„Nehmen Sie doch Platz, Herr Donat. Was wollen Sie trinken? Kaffee, Tee …?“
Leo hatte schon genug Kaffee in sich reingeschüttet. Und Tee trieb so.
„Wasser, bitte.“
Durante bestellte per Telefonanlage die Getränke.
„Haben Sie gleich hergefunden?“
„Tut mir leid, dass ich etwas zu spät bin. Aber Sie kennen ja die BVG.“
„Ach, Sie sind öffentlich gekommen? Von wo denn?“ Schwer zu sagen, woher der Lektor stammte. Gebürtiger Berliner war er nicht. Dass er akzentfrei sprach, war wahrscheinlich berufsbedingt.
„Aus Neukölln.“
„Ich liebe Neukölln“, sagte Durante und klatschte in die Hände, „dort gibt’s derzeit einfach die aufregendste Szene der Stadt.“
Sein verliebter Blick fiel auf den silber gerahmten Schnappschuss auf dem Schreibtisch, auf dem eine anmutige Frau mit südländischen Gesichtszügen zwei kleine Mädchen umarmte.
„Meine Frau und ich gehen irrsinnig gern dort aus. Dagegen ist Pankow ja ein verschlafenes Nest.“
Leo nickte. Sie wussten beide, dass Pankow nur deswegen so verschlafen war, weil Leute wie Durante sofort die Polizei riefen, wenn es mal lauter wurde. Du kriegtest zwar die Leute aus der Provinz – aber nicht die Provinz aus den Leuten.
Eine junge Frau in einer weiten, weißen Latzhose brachte die Getränke. Sie hatte kurze dunkle Haare und weiße Zähne, die ein wenig zu klein waren für ihr langes, schmales Gesicht. Ihr Lächeln hatte etwas Unschuldiges, Reines und Unverdorbenes, als sei sie noch nicht von der Welt der Erwachsenen korrumpiert worden. Leo wünschte ihr, dass sie sich das bewahrte.
„Du bist ein Schatz, Alina“, sagte Durante augenzwinkernd, „Alina macht bei uns ein Volontariat.“
Alina warf Leo einen scheuen Blick zu, dann verschwand sie wieder.
„Was macht ein Verleger eigentlich so?“, fragte Leo.
Was nach Smalltalk klang, war wirkliches Interesse. Leo hatte sich schon immer für andere Arbeitswelten interessiert. Diese Neugierde war für seinen derzeitigen Beruf unerlässlich. Außerdem hoffte er insgeheim immer noch, den Beruf zu finden, der hundertprozentig zu ihm passte. Vielleicht war ja Lektor was für ihn. Dass er ständig nach einem potentiellen Job für sich Ausschau hielt, war Ausdruck seiner Offenheit, fand er. Er suche immer noch nach seiner Rolle im Leben, sagte hingegen seine Therapeutin. Vielmehr seine Ex-Freundin Rosa, die eine Weiterbildung zum Systemischen Coach machte und Leo regelmäßig als Probanden missbrauchte. Rosa sagte auch: „Dann komm halt endlich mal aus dem Knick, und setz eine deiner zahllosen Ideen in die Tat um, mit denen du uns seit Jahren auf den Wecker gehst!“ Manchmal fiel es ihr schwer, ihre Rollen sauber zu trennen.
„Ich mache Bücher”, antwortete Doktor Durante.
„Ich dachte, Schriftsteller machen Bücher?“
Durante lachte. „Die schreiben sie nur. Den Rest mache ich. Ich lektoriere die Texte und lege das Cover, die Zielgruppe und den Verkaufspreis fest und rede mit Buchhändlern, die das Buch verkaufen, und mit Journalisten, die es besprechen sollen. Jedes Buch braucht die richtige Strategie. Was nützt das schönste Buch, wenn es keiner liest?“
„Verstehe“, sagte Leo, „klingt auf jeden Fall sehr spannend.“
Durante nippte schlürfend an seinem Kaffee.
„Detektiv ist sicher tausend Mal spannender.“
„Uns Detektiven geht es wie den Lektoren“, erklärte Leo kennerhaft, „die Leute glauben immer, unser Job wäre Wunder wie aufregend. Dabei gibt es da auch viel Leerlauf.“
Er blieb absichtlich so vage, weil er es nicht besser wusste.
„Also, ich wollte als Kind immer Detektiv werden.“
„Detektiv oder Kommissar?“
„Was ist der Unterschied?“
„Der eine ist selbständig, der andere bei der Polizei.“
„Dann Kommissar.“
Klar, dachte Leo, einer wie der hatte schon als Kind von der Festanstellung geträumt. Deshalb schrieb er jetzt auch keine Bücher, sondern lektorierte sie nur.
„Wie sind Sie eigentlich auf mich gekommen?“
„Sie wurden mir empfohlen. Von Sebastian Polaske.“
„Sie kennen Basti?“
„Er hat uns mal die Biografie von Kennedys Simultandolmetscherin angeboten. Schönes Projekt. War leider nichts für uns. Wenn ich mich nicht irre, kam es bei einem kleinen Verlag in Salzburg raus.“
Leo hatte gar nicht gewusst, dass Basti schreibt. Und auch noch über Politik? „Und der hat mich empfohlen?“
„Ich habe ihn nicht direkt gefragt, ob er einen guten Detektiv kennt. Aber ich habe mich daran erinnert, dass er mal erwähnt hat, dass Sie ihm schnell und unkompliziert geholfen haben.“
Basti und Leo waren vor vielen Jahren zusammen mit ihrer Surfband in den Jugendzentren von Spandau, Reinickendorf und Frohnau aufgetreten. Seitdem hatte er Basti nicht gesehen. Bis der sich vor drei Monaten gemeldet hatte, weil seine vierzehnjährige Tochter im Berliner Nachtleben verschollen war. Leo hatte drei Nächte lang alle Clubs der Stadt abgeklappert. Schließlich hatte er Esra im Suicide Circus auf dem RAW-Gelände gefunden, in den Armen einer kahlrasierten Barkeeperin. Die Kleine hatte sich nur halbherzig gewehrt, als Leo sie nach draußen zog. Sie war spürbar froh, diesem Irrsinn entkommen zu sein.
„Was sind denn Ihre Arbeitsschwerpunkte?“, fragte der Verleger.
„Ich mache alles von Beschattungen über Mitarbeiterüberwachungen bis zur Personensuche“, antwortete Leo wie aus der Pistole geschossen.
Er hatte sich auf diese Frage vorbereitet. Sein Gegenüber musste ja nicht wissen, dass sein Business noch in den Kinderschuhen steckte. Er hatte bis jetzt nur Basti Polaskes Tochter wiedergefunden und drei Nächte lang ein Autohaus in Köpenick bewacht, das mit Hakenkreuzen beschmiert worden war. Ach, und er hatte eine Katze aufgestöbert, die Oleg, dem achtjährigen Sohn seiner russischstämmigen Nachbarn, entlaufen war. Aber dafür hatte er kein Geld genommen. Deshalb war Leo ja auch so interessiert an diesem Job. Wenn er den gut erledigte, waren vielleicht ein paar Folgeaufträge drin.
Durante senkte seine Stimme. „Es geht um einen unserer Autoren. Ich habe am Telefon ja bereits angedeutet, dass die Aufgabe heikel ist. Ich muss mich hundertprozentig darauf verlassen können, dass nichts von dem, was wir hier besprechen, nach außen dringt.“
Leo nickte. „Verschwiegenheit gehört zu meinem Beruf. Um welchen Autor geht’s denn?“
„Um Gunter Maria Schweiger. Er ist spurlos verschwunden.“ Doktor Durante betonte den Namen so, als sei es der Bundespräsident persönlich.
Leo hatte ihn trotzdem noch nie gehört.
„Sagt mir im Moment nichts.“
„Gunter Maria Schweiger ist einer der wichtigsten deutschsprachigen Autoren der letzten Jahre.“
„Was schreibt der denn?“
„Krimis.“
Ein Krimiautor? Wie schade. Nicht, dass Leo etwas gegen Literaten hatte oder gegen Literatur. Im Gegenteil, Leo liebte Bücher. Das tagelange Versinken, am besten in mehrere Bücher gleichzeitig. Bücher dreimal hintereinander lesen. Besonders geistreiche Stellen mit einem Bleistift anstreichen und schöne Sätze auswendig lernen. Bachmann, Brecht und Döblin, Kafka, Kempowski und Faulkner, Grass, Goethe und Jelinek, McEwan, Munro und McCullers, Seghers, Wolf und Zorn, Leo hatte alles gelesen. Nur mit Krimis konnte er nie was anfangen. Immer geschah gleich auf den ersten Seiten ein bestialischer Mord. Und dauernd diese supertollen Ermittler, die noch die irrsinnigsten Fälle lösten. Rosa las ständig Krimis. Beim Frühstück, in der Badewanne, auf dem Klo und vor allem abends im Bett, wo Leo lieber was anderes machte.
„Beim wichtigsten Literaten des Landes denke ich nicht unbedingt an Krimis.“
„Sondern?“
„An Heinrich Böll und Thomas Mann und Thomas Bernhard“, zählte Leo auf. Das waren Autoren von Weltruhm.
Durante rümpfte die Nase. „Nicht gerade sehr zeitgemäß. Außerdem war Bernhard Österreicher.“
„Dafür hat Böll den Nobelpreis gewonnen!“
„Den liest heute trotzdem kein Mensch mehr. Sehen Sie doch mal an, was sich auf den Bestsellerlisten tummelt. Lauter Kriminalromane.“
„Ich finde nicht, dass alles, was sich gut verkauft, automatisch gut ist.“
„Ich verlege auch lieber Liebeslyrik einer syrischen Asylbewerberin. Oder einen Roman aus dem Moskauer Untergrund. Aber als Publikumsverlag kann ich solche Bücher nur machen, wenn ich auch Erfolgstitel habe, die diese finanzieren.“
„Und das machen Sie mit Krimis?“
Durante stand auf und ging ans Fenster.
„Natürlich. Mischkalkulation. Krimis sichern Arbeitsplätze. Unsere Branche hat jedes Jahr Umsatzverluste hinzunehmen. Die Leute lesen immer weniger.“
Er sah in den Hof herunter, als würden diese Leute dort unten herumstehen.
„Panta rhei.“
Doktor Durante nickte. „Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?“
Genau diese Frage hatte ihm der Personalchef von Foodora gestellt, als Leo sich dort als Assistent der Geschäftsleitung beworben hatte. Zum Glück wollte Durante was von ihm und nicht umgekehrt, sonst wäre Leo jetzt ins Schwitzen gekommen. Bei Foodora hatte er Jamie Oliver geantwortet, weil er dachte, dass ihm das bei einem Essensportal Pluspunkte einbringen würde. Bekommen hatte den Job einer, der Digitales Business Modelling gelesen hatte.
„Ich bin in letzter Zeit kaum zum Lesen gekommen“, antwortete Leo ehrlich. Er hatte schon länger kein Buch mehr in den Händen gehabt. Man kam ja zu nichts mehr in dieser schnelllebigen, an Reizüberflutung leidenden Zeit. Der tägliche Joint, mit dem er gegen sechs den Feierabend einläutete, war der Konzentrationsfähigkeit auch eher abträglich. Und seit es Serien gab, war es sowieso ganz aus. Schade eigentlich.
Durante schien ihn durchschaut zu haben. „Heute macht ja alle Welt Bingewatching. Wussten Sie, dass die meisten Serien ihre Vorbilder in der Literatur haben?“
Das war Leo neu.
„Die verschachtelte Erzählform, das multiperspektivische Erzählen, die vielen parallelen Stränge – all das haben sie sich bei den großen Russen abgeguckt. Ohne Puschkin, Dostojewskij oder Tolstoi gäbe es kein Netflix und kein HBO.“
„Und kein Amazon.“ Leo klang wie ein Schüler, der Fleißpunkte sammelte.
„Hören Sie mir auf mit Amazon. Nachdem die den ganzen Buchmarkt kaputtgemacht haben, knöpfen sie sich jetzt mit ihren selbst produzierten Serien das Fernsehen vor.“
„Nachdem sie bereits den Einzelhandel auf dem Gewissen haben.“
Durante seufzte. „Hoffen wir, dass Mordsapplaus ein Erfolg wird. Schweigers neues Buch soll diesen Herbst erscheinen. Darin geht es um einen alkoholkranken Schauspieler, der Pantomime-Workshops gibt und auf der Toilette einer kleinen Kellerbühne ermordet wird.“
„Und diesen Schweiger soll ich also finden.“
Irgendetwas behagte Leo an diesem Job nicht. Er war in seinem Leben bestimmt schon ein Dutzend Mal für ein paar Tage verschwunden, ohne eine Menschenseele Bescheid zu geben, und nie hatte man einen Detektiv auf ihn angesetzt. Wieso tat dieser Programmchef das?
„Glauben Sie, ihm ist etwas zugestoßen?“
Doktor Durante seufzte. „Wir wollen es nicht hoffen.“
„Wann hatten Sie das letzte Mal Kontakt zu ihm?“
„Vor drei Wochen. Da war GM hier im Verlag.“
„Wer?“
„Gunter Maria Schweiger. GM. Wir haben die PR für sein neues Buch besprochen. Er hat übrigens genau da gesessen, wo Sie jetzt sitzen.“
Leo rutschte auf dem Sessel hin und her. Das war die Kraft der Promis; selbst wenn man sie nicht kannte, war man ergriffen, auf dem gleichen Stuhl zu sitzen wie sie.
„Vielleicht besucht er Freunde oder Verwandte?“
Doktor Durante schüttelte den Kopf. „GM hat keine Freunde. Verwandte auch nicht. Er lebt allein und zurückgezogen in einem kleinen Ort und verreist so gut wie nie. Es grenzt an ein Wunder, dass er überhaupt nach Berlin gekommen ist. Ich habe ihn bestimmt hundert Mal angerufen. Aber er hebt nicht ab. Deswegen mache ich mir ja solche Sorgen.“
„Antwortet er auch nicht auf Mails?“
„Er hat gar keinen Computer.“
Leo war verdutzt. „Wie schreibt er denn seine Romane?“
„Mit der Schreibmaschine.“ Durantes Antwort war eher rhetorischer Art. „Wenn er ein Buch beendet hat, geht er immer mit einer roten Mappe mit dem Manuskript darin in ein Geschäft in seinem Dorf, wo es ein Kopiergerät gibt, macht eine Kopie und schickt sie zu uns. Unsere Volontärin muss den Text dann erst mal elektronisch erfassen.“
„Ganz schön altmodisch und umständlich.“
Leo war das sympathisch.
„Da ist noch etwas.“ Der Programmchef räusperte sich.
Das überraschte Leo nicht. Es gab immer noch ein etwas.
„Nämlich?“
„Leider ist nicht nur Schweiger verschwunden, sondern auch sein Manuskript.“
„Das mit dem alkoholkranken Schauspieler?“
„Genau. Mordsapplaus ist unser Spitzentitel im Herbstprogramm. Wir planen Lesereisen und Pressetermine, der Focus will ein großes Porträt machen. Aber das geht nur, wenn wir das Manuskript haben.“
„Bis wann brauchen Sie es?“
„Am besten bis gestern. Der Text muss bis Ende Juni in Produktion.“
„Also gut“, befand Leo, „wie heißt denn das Dorf, in dem Ihr Starautor wohnt?“
„Garching an der Alz.“
„Gar-was??“
„Garching. An der Alz.“
„Nie gehört. Wo soll denn das sein?“
„In Bayern.“

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