If you haven’t been to the Black Forest Inn, you haven’t been to Minneapolis!

Aus der Gebrauchsanweisung für den Schwarzwald …

If you haven’t been to the Black Forest Inn, you haven’t been to Minneapolis!

Aus «Gebrauchsanweisung für den Schwarzwald», Piper Verlag 2014

Nicht nur, dass die Schwarzwälder den Deutschen eine Idylle präsentieren dürfen und müssen, ihnen kommen auch noch höchst repräsentative Aufgaben auf internationaler Ebene zu. Denn Kuckucksuhren, Schwarzwälder Kirschtorte und Schwarzwälder Schinken sind weltberühmt und prägen seit vielen Jahren das Bild, das das Ausland von Deutschland und den Deutschen hat. Die Gemütlichkeit der Schwarzwälder ist also, je nach Blickwinkel, mal typisch badisch, mal ist sie typical German. Neben Amerikanern kommen auch Japaner, Franzosen, Italiener und Spanier gern hierher.
Auch wenn es einem international schon mal passieren kann, dass der Schwarzwald kurzerhand in ein benachbartes Bundesland verlegt wird. „I am from the Black Forest.“ „Ah, that’s in Bavaria, isn’t it?“ Das ist nicht schön. Aber nicht so schlimm wie das, was einem in deutschen Landen passieren kann: „Ich stamme aus dem Schwarzwald.“ „Das ist in Schwaben, stimmt’s?“ Nein, stimmt ganz entschieden nicht! Lediglich ein kleiner Teil des nördlichen Schwarzwalds liegt in Schwaben, der große Rest in Baden.

Mit dem Slogan, der diesem Kapitel seinen Namen gibt, wirbt ein Lokal in den USA, das es seit 1965 gibt und das zahlreicher Preise für authentic, handmade German and European meals and outdoor Eating gewonnen hat. Hier gibt es Strudel, Bread and Bratwurst sowie Spaetzel and, of course, Black Forest Cherry Torte. Es gibt auch noch ein Black Forest Inn in Ontario/Canada, eins in South Dakota, eins New Jersey und noch ein paar in ein anderen US-amerikanischen Städten und Staaten. Außerdem gibt es in Minnesota das Black Forest Brew House und in Lindenhurst, New York, eine Black Forest Bakery. Sie alle befinden sich großen, mit dunklen Holzbrettern verzierten Gasthäusern, und werben damit, dass bei ihnen real and authentic German Essen und Trinken serviert wird. Diese Häuser könnten ja auch Germany Inn heißen oder Rhineland Inn oder Berlin Inn. Sie heißen aber Black Forest Inn, denn in der Welt steht der Schwarzwald nun mal für Deutschland, und, wie man sieht, manchmal für die Schweiz und Österreich gleich mit. Denn manche nehmen es mit der Herkunft der Speisen nicht so genau und servieren auch Handmade Soft Pretzel, Wiener Schnitzel, Sauerbraten oder das Black Forest Lager Fondue. So wird es einem Inder gehen, der sieht, dass die Küche eines ganzen Subkontinents auf die immergleichen drei Grundsaucenarten mit zwanzig verschiedenen Zutaten reduziert wird, und einem Italiener, dass die Eisdielen Deutschlands ausnahmslos Venezia heißen. Wir Menschen tragen nun mal Phantasien und Bilder mit uns herum, und die wollen wir bestätigt sehen, und wenn wir Indisch essen gehen, dann soll es so schmecken, wie wir es kennen, und nicht, wie es schmecken könnte.

Es gibt übrigens auch ein Mineralwasser, das sich nach dem Schwarzwald benannt hat. Wer nun aber denkt, dass das Black Forest Still aus einer Quelle in Amerika oder England oder Australien stammt, die auf die ganz besondere, naturbelassene Qualität ihres Wassers hinweisen will, irrt. Dieses Wasser, das sich auch Black Forest Pearl nennt und das in „einer handlichen und stabilen Verpackung für sechs PET-Flaschen, dem so genannten ‚Bottle-Carrier’“, angeboten wird, stammt aus der Hansjakobquelle in Bad Rippoldsau im Nordschwarzwald. Und es wird nicht für den Export so genannt, sondern für den heimischen Markt. Es ist schon genug über Anglizismen in der Werbung, auf Telefonrechnungen und im Fernsehen gespottet worden. Trotzdem sei die Frage erlaubt, ob ein ganz normales Mineralwasser seinen Ruf oder seine Absatzzahlen verbessern kann, indem es seinen Namen internationalisiert?

Dass der Schwarzwälder das Glück hat, dass die ganze Welt weiß, wo er herkommt, verdankt er aber nicht nur den Speisegaststätten, die in eben dieser ganzen Welt herum stehen, und die seine Heimat im Namen tragen, sondern auch den Gebrüdern Grimm und ihren Märchen. Hensel und Gretel und das Rotkäppchen spielen dort, zumindest in den meisten fremdsprachigen Fassungen. Den bösen Wolf gibt es nicht mehr, die dichten Wälder sind längst abgeholzt und wunderschönen Auen und Tälern gewichen, das Holz wurde für den Schiffs- und den Stollenbau und für Kuckucksuhren gebraucht. Die Abholzungen müssen passiert sein, bevor die Spanische Sprache den Schwarzwald in sich aufnahm. Selva negra bedeutet Schwarzer Dschungel. Obwohl man sagen muss, dass es besonders im Mittel- und im Nordschwarzwald tatsächlich Ecken gibt, die so dunkel, tief und verwachsen sind, dass man sofort versteht, dass die Iberer ihm diesen Namen gaben.

Vielleicht fühlen sich die Amerikaner aber auch deshalb so magisch vom Schwarzwald angezogen, weil es ein Schwarzwälder war, der ihrem Land seinen Namen gegeben hat. Denn der geht auf einen gewissen Martin Waldseemüller zurück, der im Jahr 1507 in Freiburg geboren wurde. Oder in der „Binzenmühlen-Strauße“ im nahen Wolfenweiler, wie ein Schild an deren Hauswand behauptet. Oder ganz woanders. Seine Geburt ist so lange her, dass die Meinungen über den richtigen Geburtsort ruhig auseinander gehen dürfen. Nach seinem Studium der Kosmographie an der Freiburger Universität arbeitete Waldseemüller ein paar Jahre in der Druckwerkstatt seines Onkels in Basel, ehe er als Kosmograph ins Kloster Vosagense in Saint-Dié in Lothringen wechselte. Lothringen gehörte damals zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, Freiburg und der Breisgau gehörten zu Österreich. Deswegen wird Waldseemüller von österreichischer Seite auch immer mal wieder zu einem Österreicher gemacht. Wem gehört er denn nun? Die Diskussionen über berühmte und weniger berühmte Söhne und Töchter dieser beiden benachbarten Länder werden wohl nie enden. Nehmen wir sie hin als diskussionsanregenden, völkerverbindenden Teil deutsch-österreichischer Freundschaft.
Waldmüllers Herr, Renée von Lothringen, begeisterte sich für Landkarten. Er hatte die Reiseberichte des Kaufmanns, Seefahrers und Draufgängers Amerigo Vespucci gelesen. Vespucci, der 1499 und 1502 zwei Reisen nach Amerika unternommen hatte, beschrieb darin mit den schillerndsten Tönen und Farben die „neue Welt“. Diese Reiseberichte machten ihn weltberühmt. Und mit ihm das neue Land. Renée von Lothringen beauftragte seinen Untertan Waldseemüller mit der Erstellung einer Weltkarte nach Vespuccis Berichten. Der machte sich unverzüglich an die Arbeit, und weil der neue Kontinent einen Namen brauchte, beschloss Waldseemüller, dass man ihn, „da Americus ihn gefunden, ihn Americus oder America von heute an nennen könnte.“ Das weibliche a gefiel ihm, da auch Europa, Afrika und Asia eine weibliche Endung hatten.
Nun wird der gebildete Leser einwerfen, dass Amerika doch nicht von Vespucci, sondern von Christoph Columbus entdeckt worden war. Derselben Meinung waren damals viele Wissenschaftler, die deswegen verlangten, der neue Kontinent müsse Colombo genannt werden. Ohne Erfolg. Nicht so sehr deswegen, weil Columbus bis zuletzt darauf beharrte, gar nicht Amerika, sondern den Seeweg nach Indien gefunden zu haben. Sondern weil er schon zu Lebzeiten in Vergessenheit geraten war. Kein Mensch kannte ihn, die Proteste der Wissenschaftler verhallten unerhört, und schon nach wenigen Jahren hatte sich der Name America durchgesetzt.
Auch unser Martin Waldseemüller geriet in Vergessenheit, und mit ihm seine berühmte Karte, auch wenn sie eine Auflage von 1000 Stück hatte, was damals eine immens hohe Zahl war. Erst 1910 tauchte wieder eine auf. Ein Mönch fand sie zufällig im Rücken eines Buches versteckt, das in der Bibliothek von Schloss Wolfegg stand. Dieser Fund war natürlich eine Sensation. Die Amerikaner begannen in den neunzehnachtziger Jahren, Verhandlungen mit dem Fürsten zu Waldburg-Wolfegg über einen Kauf der Karte zu führen. Aber die damalige Bundesregierung beschied, dass nationales Kulturgut dieser Kategorie nicht veräußert werden dürfe. Auch Helmut Kohl als Bundeskanzler und Roman Herzog als Bundespräsident konnten die Frage, was denn höher zu bewerten sei, Freundschaft oder der Schutz eines nationalen Kulturguts, nicht abschließend beantworten. Als dann Gerhard Schröder Kanzler war, beschied er Kraft seines Amtes, dass die Karte verkauft werden dürfe, als Dankeschön für die Unterstützung der Amerikaner bei der Deutschen Wiedervereinigung. Bundeskanzlerin Angela Merkel war es schließlich, die 2007 die Karte überbrachte. Sie sah darin „ein schönes Zeichen der besonders engen deutsch-amerikanischen Freundschaft.“ Die Library Of Congress in Washington, wo die Karte heute hängt, hat geschätzte zehn Millionen Euro dafür bezahlt. Wer will, kann sie sich im Internet ansehen. Die Library hat sie auf ihrer Homepage ausgestellt.
Was wohl Martin Waldseemüller zu alledem gesagt hätte? Wahrscheinlich wäre ihm nicht wohl bei der Sache gewesen. Aber nicht, weil er nicht gewollt hätte, dass seine Karte sein Heimatland verlässt. Sondern weil er den Namen, den er der neuen Welt gab, selbst bald wieder bekämpft hat. Auf späteren Karten nannte er den neuen Kontinent nämlich wieder „terra nova“ oder „terra incognita.“ Das ist sie für den Mann, der von der Welt nicht viel mehr gesehen hat als den Schwarzwald und Lothringen, ja auch zeitlebens geblieben.

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